Überfahrt: Marokko – Madeira

Überfahrt: Marokko – Madeira

22. Mai 2024 0 Von Hans

21.05.2024, Madeira-Marina Quinta do Lordes, Tag 1432, 7294 sm von Stavoren

Die Wetterlage hat sich stabilisiert und verspricht uns für die Überfahrt von Marokko nach Madeira einen segelbaren Wind. Einziges Problem: der Wind darf nicht mehr weiter nach Westen drehen, denn dann müssten wir die Strecke aufkreuzen.

Schon zwei Tage vor unserer geplanten Abreise hatte ich mich beim Zoll und der Polizei vorgestellt, um die Ausklarierung für Samstagmorgen zu organisieren. Da die Polizei erst um 10:00 Uhr ihren Dienst antritt, wurde mir versprochen, umgehend an Bord der BIJOU zukommen.

So hatten wir die letzten Tage genug Zeit, die BIJOU für Überfahrt seeklar zumachen und für ausreichend Proviant zu sorgen.

Zu unserer Überraschung kamen die Beamten vom Zoll und der Polizei am Samstag schon um 9:30 Uhr an Bord. Sie hatten Sorge, dass wir sonst nicht rechtzeitig loskommen. Schnell war die Ausklarierung erledigt und mit dem entsprechenden Stempel im Reisepass konnten wir nach einem Monat Aufenthalt im wunderschönen Marokko die Leinen wieder lösen. Wie immer viel uns der Abschied schwer, aber da war dann ja auch die Vorfreude auf etwas Neues.

Um Punkt 10:30 Uhr waren die Festmacherleinen gelöst und vor uns lag eine Distanz von 390 sm mit Kurs 290°. Laut Wettervorhersage sollte der Start die größte Herausforderung darstellen. Da es am Cabo Ghir (nördlich von Agadir) fast immer in Sturmstärke bläst und der Wind direkt auf Agadir abgelenkt wird, hieß es für uns, die ersten 30 sm gegen den Wind mit Maschine anzukämpfen. Für heute angesagt waren „nur“ 25 – 28 kn Wind, viel weniger als an den Tagen zuvor aber immerhin noch reichlich.

Die ersten 5 sm hatten wir fast Flaute, die dann für kurze Zeit in eine leichte Brise überging, um kurz darauf den angesagten Starkwind uns auf die Nase zudrücken. Bei rund 2 m Seegang stampfte die BIJOU mit 4 kn gegen den Wind und die See an. Unmengen an Wasser schossen übers Deck. Gut, dass unser Cockpit geschützt ist, so blieben wir wenigstens trocken.

Erst als wir uns am späten Nachmittag vom Cabo Ghir entfernt hatten, drehte der Wind langsam von NW auf NNW und so konnten wir die Genua ausrollen und mit Maschinenunterstützung unseren Kurs halten. Da die Wellen noch recht ordentlich und die Windböen bei 25 kn lagen, beschlossen wir, erst einmal so in die Nacht hineinzufahren. Zu unserer Freude drehte der Wind dann weiter auf N und schwächte sich spürbar ab. Um 20:00 Uhr konnten wir dann den Jockel abstellen und nur mit Genua durch die Nacht segeln. Da wir mit der Genua immerhin zwischen 5,5 und 6,0 kn Fahrt machten, sollte das für die Nacht reichen.

In den frühen Morgenstunden nahm der Wind immer weiter ab, so dass wir mit der ersten Büchse Licht das Groß im 1. Reff setzten, da für den Tag über wieder bis zu 20 kn Wind angesagt waren.

Mit dieser Besegelung Groß im 1. Reff und der Genua (mal ausgerollt, mal ein wenig gerefft) konnten wir den Sonntag und den Montag durchsegeln. Der Wind wurde zu unserem Freund, wehte wie angesagt zwischen NNW und NO in moderater Stärke, so dass die BIJOU mit flotter Fahrt (zwischen 5 kn, zeitweise auch mit über 7 kn) durch den Tag und die Nacht dem Ziel Madeira entgegen rauschte.

Die Stunden vergingen an Bord mit viel lesen, immer wieder ein kurzes Nickerchen und den üblichen Zeiten für Navigation und Wetter wie im Flug.

Am Sonntagabend um 19:40 Uhr kreuzten wir unseren Kurs auf 31° 35,4 N und 12° 57,0 W, den wir vor fast einem Jahr am 15.06.2023 von der Algarve nach Lanzarote gesegelt sind.

Unsere Kurslinien Juni 2023 und Mai 2024

Hin und wieder passierten wir Schifffahrtsrouten in Nord-Süd – Richtung, die unsere Aufmerksamkeit erforderten. Zum Teil waren es bis zu 7 Schiffe, die auf dem Plotter mit ihren AIS-Signalen bei uns auftauchten. Aber alle änderten den Kurs so, dass sie die BIJOU in einem Abstand von mehr als 1 sm kreuzten.

Ein großes Passagierschiff, die QUEEN ANNE kreuzte unseren Kurs am Montagmorgen um 7:50 Uhr und weckte besonders unsere Aufmerksamkeit. Ob es wohl vom Kapitän der QUEEN ANNE einen Hinweis auf unsere im Vergleich winzig kleine BIJOU gegeben hat, konnten wir nicht sagen. In Massen sind die Passagiere nicht aufs Deck gestürmt.

QUEEN ANNE

Ich hatte für unsere Überfahrt nach Madeira eine Ankunftszeit im günstigsten Fall für Dienstag spät Nachmittag, eher in den frühen Morgenstunden des Mittwochs berechnet. Tatsächlich sahen wir schon kurz nach Mitternacht die Lichter der Großstadt Funchal.

Blick auf Funchal / Madeira

Um nicht im Dunkeln in die Marina einzulaufen, beschlossen wir, die BIJOU langsam auszubremsen. Erst die Genua eingerollt, dann das Groß eingeholt und die letzten 5 sm im Standgas zurückgelegt. So passierten wir mit den ersten Lichtstrahlen der aufgehenden Sonne um 6:30 Uhr die Hafenmole der Marina Quinta do Lordes ganz im Osten der Insel Madeira. Nach exakt 68 Stunden und 392 sm sind wir sicher, ohne besondere Vorkommnisse aber todmüde auf Madeira angekommen.

Marina Quinta do Lordes